Das älteste Symphonieorchester Böhmens spielt bei uns. Seit 205 Jahren
Das Westböhmische Symphonieorchester entstand 1821 — zur gleichen Zeit wie das Kurbad selbst. Heute spielt es rund hundert Konzerte im Jahr, und ab der Saison 2026/27 leitet es Michaela Rózsa Růžičková, die erste Chefdirigentin in der Geschichte des Klangkörpers.
Das Orchester entstand nicht als Zierde einer fertigen Kurmetropole. Es entstand gleichzeitig mit ihr — und half, sie zu erschaffen.

Ein Klangkörper, der älter ist als die meisten europäischen Philharmonien
Marienbad rühmt sich gern seiner Quellen, seiner Kolonnade und seiner Architektur. Eine hiesige Institution bleibt dabei jedoch oft unerwähnt, obwohl sie selbst im europäischen Maßstab außergewöhnlich ist: das Westböhmische Symphonieorchester — der älteste symphonische Klangkörper Böhmens.
Seine Anfänge reichen ins Jahr 1821 zurück. Zum Vergleich: Beethoven lebte damals noch und schrieb seine letzten Klaviersonaten. Das Orchester spielt also länger, als die meisten berühmten europäischen Philharmonien überhaupt existieren — und es spielt bis heute ohne Unterbrechung.
Geboren zusammen mit der Stadt
Das Bemerkenswerteste an dieser Geschichte ist, dass das Orchester nicht als Zierde einer fertigen Kurmetropole entstand. Es entstand gleichzeitig mit ihr.
Dahinter stand Karl Kaspar Reitenberger, Abt des Klosters Tepl und Gründer Marienbads. Jener Mann, der die Sümpfe trockenlegen ließ, Promenaden anlegte und die Stadt überhaupt erst entstehen ließ, hielt es für ebenso selbstverständlich, dass zu einem Kurbad lebendige Musik gehört. So entstand an den Quellen eine kleine Kurkapelle.
Anfangs war es eine bescheidene Angelegenheit: Gespielt wurde an den Quellen, auf der Kolonnade und im Theater — überall dort, wo das Kurleben pulsierte. Mit der Zeit wuchs die Kapelle zu einem mittelgroßen Orchester heran, das neben Promenadenmusik zunehmend symphonische Konzerte gab. Aus der Kurkapelle wurde ein vollwertiger symphonischer Klangkörper.
Wie Musik half, die Stadt zu bauen
Der Einfluss des Orchesters auf die Entwicklung Marienbads lässt sich schwer beziffern, aber gut beschreiben.
Musik war Teil der Kur, nicht Kulisse. Der Kurtag hatte seinen Rhythmus: morgendliche Trinkkur an der Quelle, Spaziergang über die Kolonnade, Nachmittagskonzert. Die Musik half, das vorgeschriebene langsame Gehtempo zu halten, und machte aus der Behandlung ein Erlebnis, für das die Menschen wiederkamen. Wer heute einen Trinkbecher zur Hand nimmt und während eines Promenadenkonzerts auf die Hauptkolonnade hinaustritt, tut genau das, was die Gäste hier vor zweihundert Jahren taten.
Die Musik brachte Gäste — und mit ihnen wuchs die Stadt. Ein Kurbad ohne Kultur ist nur eine Heilanstalt. Gerade die Verbindung aus Quellen und Musik machte Marienbad zu einer Adresse, zu der die europäische Gesellschaft reiste — und mit ihr kamen Hotels, das Theater, das Gesellschaftshaus Casino und jene Architektur, die heute die UNESCO schützt.
Musik schuf hier feste Arbeitsplätze. Ein professionelles Orchester bedeutet Dutzende Musikerinnen und Musiker, die ganzjährig in der Stadt leben, unterrichten, spielen und weitere ausbilden. Für eine Stadt von der Größe Marienbads ist ein eigenes professionelles Symphonieorchester eine Erscheinung, die man anderswo in Tschechien nicht findet.
Residenzorchester des Chopin-Festivals
Fryderyk Chopin verbrachte in Marienbad den Sommer 1836 — vom 28. Juli bis zum 24. August, als er der Familie Wodzińska und vor allem Maria folgte, in die er verliebt war. Es war sein einziger Aufenthalt hier, er dauerte nur einen Monat und hat sich dennoch dauerhaft in die Geschichte der Stadt eingeschrieben. Ausführlich schreiben wir darüber im Artikel Chopin und Marienbad.
Kein Zufall also, dass gerade hier das Chopin-Festival stattfindet — eines der ältesten Musikfestivals Tschechiens und eines der bedeutenden in Europa.
Das Westböhmische Symphonieorchester wirkt dort seit dem allerersten Festivaljahr als symphonisches Residenzorchester. Eine Verbindung, die Sinn ergibt: ein Komponist, der hier einen denkwürdigen Sommer erlebte, eine Stadt, die sich an ihn erinnert, und ein Orchester, das länger hier ist als das Festival selbst.
Wo und was das Orchester heute spielt
Das Orchester ist keineswegs ein Museumsstück. Es gibt rund hundert Konzerte im Jahr, und sein Programm ist vielfältiger, als man es von einem symphonischen Klangkörper erwarten würde:
- Symphonische Abonnementkonzerte — das Rückgrat der ganzen Saison
- Opern- und Operettenabende
- Populäre und pädagogische Programme, einschließlich Konzerten für Kinder und Jugendliche
- Sommerkonzerte auf der Kolonnade — die marienbadischste aller Traditionen
- Zusammenarbeit mit Musikschulen nicht nur in Marienbad — so hilft das Orchester, die nächste Generation auszubilden
Die Heimatbühne ist der Marmorsaal im Gesellschaftshaus Casino, eine der schönsten Kulturstätten Westböhmens. Gespielt wird auch im Stadttheater.
Gegenwart: neue Leitung und ein historischer Meilenstein
Das Orchester tritt in eine spannende Phase ein.
Direktor ist seit 2025 Vladimír Smutný.
Ehrendirigent ist Radek Baborák — der weltweit anerkannte Hornist und Dirigent, der von 2021 bis 2025 Chefdirigent des Klangkörpers war und ihm weiterhin verbunden bleibt. Neben ihm wirken die ständigen Dirigenten Martin Peschík und Jan Mikoláš.
Und vor allem: Ab der Saison 2026/27 wird Michaela Rózsa Růžičková Chefdirigentin. Das ist gleich in zweifacher Hinsicht ein historischer Moment — sie ist die erste Frau an der Spitze des Orchesters in über zweihundert Jahren seines Bestehens und erst die zweite Chefdirigentin eines tschechischen Symphonieorchesters überhaupt.

Es geht dabei nicht um eine Geste. Růžičková ging aus einem mehrmonatigen Auswahlverfahren hervor, zu dem Konzerte mit dem Orchester gehörten — sie dirigierte also buchstäblich vor Publikum um den Posten. Sie studierte Dirigieren am Prager Konservatorium und an der Akademie der musischen Künste (HAMU), wo Jiří Bělohlávek, Leoš Svárovský und Tomáš Koutník zu ihren Lehrern zählten. Neben dem Orchesterdirigat widmet sie sich Chor- und Operndirigat, ist außerdem Sängerin, Arrangeurin und Pädagogin und arbeitete mit zahlreichen tschechischen und internationalen Klangkörpern zusammen — unter anderem mit dem Symphonieorchester des Tschechischen Rundfunks, der Kammerphilharmonie Pardubice, der Philharmonie Hradec Králové und der Nordböhmischen Philharmonie Teplice.
Die Saison 2026/27 bringt somit gleich zwei Ereignisse: das Antrittskonzert der neuen Chefdirigentin und ein Galakonzert zum 205. Jubiläum des Orchesters.
Warum das für Gäste wichtig ist
Für Gäste, die für eine oder zwei Wochen nach Marienbad kommen, bedeutet das eine einfache Sache: Kultur ist hier keine Beigabe, sondern Selbstverständlichkeit. Sie müssen nirgendwohin reisen. In einer kleinen Stadt inmitten von Wäldern steht Ihnen ein professionelles Symphonieorchester zur Verfügung, das praktisch das ganze Jahr über spielt — von kammermusikalischen Abonnementabenden bis zu Sommernachmittagen unter den gusseisernen Bögen der Kolonnade.
Es ist eine jener Sachen, die einen Kuraufenthalt hier zu etwas anderem machen als zu einer bloßen Abfolge von Anwendungen.
Praktische Informationen
- Aktuelles Programm und Tickets: zso.cz
- Kulturüberblick des Kurorts: news.lazneml.cz
- Kultur in Marienbad: Kulturführer
Und falls Sie Ihren Aufenthalt erst planen, werfen Sie einen Blick auf die beste Reisezeit — die Sommersaison mit Konzerten auf der Kolonnade hat ihren Reiz, aber auch ein Abonnementwinter im Marmorsaal lohnt sich.
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