Ein Monat, den der Komponist nie vergaß
Es gibt Sommeraufenthalte, die ein Leben lang im Gedächtnis bleiben. Für Fryderyk Chopin war es der August 1836, den er in Marienbad verbrachte. Er kam der Familie Wodziński nach — und vor allem deren Tochter Maria, in die er verliebt war. Für den Kurort, der damals noch nicht einmal seine berühmte gusseiserne Kolonnade besaß, war es nur einer von vielen aristokratischen Besuchen jenes Sommers. Für die Musikgeschichte aber war es eine Episode, deren Nachklang in Marienbad bis heute zu hören ist — alljährlich im August, wenn hier das internationale Chopin-Festival stattfindet.
Von München sind es rund 280 Kilometer, von Nürnberg nur etwa 170, von Frankfurt 410 — wer Chopins Spuren folgen möchte, erreicht den Kurort von Süddeutschland aus in wenigen Stunden.
Sommer 1836: Begegnung an den Quellen
Die Familie des polnischen Adligen Wodziński traf am 9. Juli 1836 in Marienbad ein. Chopin reiste knapp drei Wochen später nach, am 28. Juli. Er logierte im Gasthof „Zum weißen Schwan" — jenem Gebäude, das heute den Namen Chopin-Haus trägt und in einer nach dem Komponisten benannten Straße steht. Bis zum 24. August verlebte er unbeschwerte Wochen in Marienbad: gemeinsames Musizieren, Lesen, lange Spaziergänge durch die Kurparks und entlang der Promenade an den Mineralquellen.
Man sollte sich vor Augen halten, wie die Stadt aussah, die Chopin kennenlernte. Die berühmte gusseiserne Hauptkolonnade, heute das unverwechselbare Wahrzeichen Marienbads, existierte damals noch gar nicht — sie wurde erst 1888–1889 errichtet, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Chopins Besuch, nach Plänen der Wiener Architekten Miksch und Niedzielský. Der Komponist wandelte also durch einen jungen, sich erst entwickelnden Kurort, dessen Heiltradition bis 1808 zurückreicht.
Ebenfalls in Marienbad entstand das berühmte Aquarellporträt Chopins, das Maria Wodzińska malte — eine der wenigen Darstellungen des Komponisten, die zu seinen Lebzeiten geschaffen wurden, einfühlsam und voller Zuneigung.
Die heimliche Verlobung
Der eigentliche Wendepunkt kam erst nach dem Kursommer. Die Wodzińskis und Chopin reisten weiter nach Dresden, und dort hielt Chopin am Abend des 9. September 1836, am Vorabend seiner Abreise, um Marias Hand an. Maria nahm den Antrag an — unter einer Bedingung: dass er sorgsam auf seine zarte Gesundheit achte. Die Verlobung blieb geheim und war nur dem engsten Familienkreis bekannt.
Doch das Glück währte nicht lange. Chopins Gesundheit war tatsächlich angegriffen, und die Familie Wodziński, besonders die Männer, begegnete dem mittellosen Künstler ohne Vermögen und feste Stellung mit wachsender Zurückhaltung. Im Laufe des Jahres 1837 ließ man die Verlobung still verlöschen. Chopin bewahrte Marias Briefe sorgfältig in einem Bündel auf, das er später mit dem polnischen Wort „Moja bieda" — „Mein Leid" — überschrieb.
Welche Werke (nicht) zu Marienbad gehören
Um Chopin und Maria Wodzińska ranken sich zahlreiche musikalische Legenden, darunter einige Irrtümer, die der Richtigstellung bedürfen.
Maria Wodzińska gewidmet ist der berühmte Walzer As-Dur op. 69 Nr. 1, bekannt als „L'Adieu" („Abschiedswalzer"). Chopin schenkte ihn ihr jedoch bereits im September 1835 in Dresden — also ein Jahr vor dem Marienbader Sommer — mit der eigenhändigen Widmung „Pour Mlle Marie". Mit dem Aufenthalt von 1836 oder der späteren Verlobung steht dieses Werk in keinem direkten Zusammenhang.
Ebenso wenig entstand der Walzer As-Dur op. 34 Nr. 1 in Marienbad: Chopin komponierte ihn 1835 auf Schloss Tetschen (Děčín) und widmete ihn Josefine von Thun-Hohenstein. Keiner dieser beiden Walzer gehört also in den August 1836 in Marienbad — auch wenn die Stimmung beider den romantischen Geist perfekt einfängt, der Chopin mit Maria verband.
Das Chopin-Festival: lebendige Erinnerung
Es dauerte über ein Jahrhundert, bis Marienbad diese romantische Episode in eine lebendige Kulturtradition verwandelte. Am 6. Juni 1959 wurde hier die Fryderyk-Chopin-Gesellschaft gegründet, und im selben Jahr fand die erste Ausgabe des Chopin-Festivals statt. Ebenfalls 1959 wurde im Chopin-Haus — dem einstigen Gasthof „Zum weißen Schwan" — eine dem Komponisten gewidmete Gedenkstätte eröffnet.
Aus dem ersten Jahrgang erwuchs das internationale Chopin-Festival, das alljährlich in der dritten Augustwoche stattfindet. Es zählt zu den ältesten Musikfestivals des Landes — das drittälteste nach dem Prager Frühling und Smetanas Litomyšl — und bringt bis heute führende Pianistinnen und Interpreten von Chopins Werk aus aller Welt nach Marienbad. Die Konzerte finden in historischen Sälen und Kurräumen statt, sodass die Besucher der Musik in einer Kulisse lauschen, die selbst eine Geschichte erzählt.
Auf Chopins Spuren heute
Auch außerhalb der Festivalwoche können Marienbad-Besucher das Erbe des Komponisten entdecken. Das Chopin-Haus mit seinem Museum erinnert an den Sommer 1836 und die schicksalhafte Liebe zu Maria Wodzińska. Die Chopinova-Straße trägt seinen Namen; an ihr liegt unter anderem das Kurhotel Svoboda mit der Adresse Chopinova 393. Ein Spaziergang durch die Kurparks, den der Komponist so genoss, bleibt einer der schönsten Spaziergänge in Marienbad — und eine Trinkkur an einer der örtlichen Quellen gehört zu den Erlebnissen, die sich in fast zwei Jahrhunderten kaum verändert haben.
Chopin verbrachte nur einen Monat in Marienbad — und kehrt doch jeden Sommer musikalisch zurück. Vielleicht liegt gerade darin der Zauber der Kurstädte: Sie bewahren selbst die flüchtigsten Augenblicke menschlicher Schicksale und geben sie an kommende Generationen weiter — als Musik, als Erinnerung und als die stille Atmosphäre der Parks, in denen einst ein verliebter Romantiker spazierenging.




