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Pilzsaison im Kaiserwald — der Herbstwald vor den Toren Marienbads

Hinter dem letzten Haus Marienbads beginnt einer der ergiebigsten Pilzwälder Böhmens. Wann die Saison läuft, wohin Sie von der Kolonnade aus zu Fuß oder mit dem Bus kommen, was das tschechische Recht erlaubt — und wo Sie Ihren Fund bestimmen lassen.

nature 8 min
Pilzsaison im Kaiserwald — der Herbstwald vor den Toren Marienbads

Der Morgen, an dem der Wald anders riecht

Es gibt diesen einen Morgen am Ende des Sommers, an dem sich die Luft über Marienbad verändert. Nach einem kräftigen Regen zieht aus dem Wald oberhalb der Stadt ein Duft herunter, den jeder sofort erkennt: nasses Moos, welkes Laub und darunter etwas süßlich Pilziges. Das ist das Signal, dass der schönste Teil des Kurjahres begonnen hat. Pilze sammeln im Kaiserwald ist eine der wenigen Unternehmungen, die Sie hier vor dem Frühstück schaffen — und mit vollem Korb in die Stadt zurückkehren.

In diesem Jahr ist das Signal besonders deutlich. Ende August 2026 führte die Karlsbader Region die landesweite tschechische Pilzprognose an — mit dem höchsten Wert aller vierzehn Regionen. Der Wald um Marienbad war also buchstäblich in der besten Verfassung des ganzen Landes. Die Hauptsaison liegt in Tschechien traditionell im August und September, bei manchen Arten reicht sie bis weit in den Oktober hinein.

Der Kaiserwald beginnt hinter der letzten Kurvilla

Marienbad hat einen Vorteil, den kaum ein anderer Kurort besitzt: Sie müssen nirgendwo hinfahren. Die Stadt liegt auf rund 630 Metern und ist von drei Seiten vom Landschaftsschutzgebiet Kaiserwald (tschechisch Slavkovský les) umschlossen. Es wurde 1974 ausgewiesen und umfasst 610 Quadratkilometer — ein zusammenhängender Rücken aus Fichten- und Buchenwald, Hochmooren und Quellgebieten, der sich von Marienbad bis nach Karlsbad zieht.

Für Gäste aus Deutschland liegt das erstaunlich nah: Nürnberg ist rund 170 Kilometer entfernt, München 280, Frankfurt 410 und Berlin 420. Eine Anreise am Vormittag genügt, um am selben Nachmittag im Wald zu stehen.

Genau diese Geografie macht den hiesigen Herbst so dankbar. Von der Kolonnade laufen Sie auf einem markierten Weg los und stehen nach zwanzig Minuten in einem Wald, in dem Ihnen niemand mehr begegnet. Man muss keinen Ausflug planen — Korb und Messer genügen.

Der Kaiserwald in Zahlen

610 km²

Fläche des 1974 ausgewiesenen Landschaftsschutzgebiets Kaiserwald

9 km

nördlich von Marienbad liegt die Siedlung Kladská (815 m ü. NN)

2,3 km

Rundweg des Lehrpfads Kladská, großteils auf Bohlenstegen

Wann losgehen: Pilze richten sich nach dem Regen, nicht nach dem Kalender

Erfahrene Sammler sagen Ihnen, dass das Datum zweitrangig ist. Entscheidend ist das Wetter der vergangenen Woche. Ideal ist ein warmer, ergiebiger Landregen, der den Boden in der Tiefe durchfeuchtet — als Faustregel zwanzig bis vierzig Millimeter Niederschlag innerhalb von zwei bis drei Tagen — gefolgt von Temperaturen über zwölf Grad. Die ersten Fruchtkörper erscheinen dann meist nach fünf bis zehn Tagen.

Darin liegt der Reiz des Herbstes im Mittelgebirge: Die kühlen Nächte und Nebelmorgen, die hier im September und Oktober einsetzen, halten den Boden deutlich länger feucht als im Flachland. Während anderswo nach den ersten Frösten Schluss ist, findet sich in den schattigen Fichtenbeständen des Kaiserwalds noch lange etwas.

Im Spätsommer und in den ersten Septemberwochen begegnen Ihnen hier vor allem Fichtensteinpilz und Sommersteinpilz, Parasol sowie Butterpilz und Körnchenröhrling. Im weiteren Herbstverlauf kommen Hallimasch und andere kälteliebende Arten dazu.

Wohin — und wohin lieber nicht

Das bekannteste Ziel liegt neun Kilometer nördlich der Stadt: die Siedlung Kladská auf 815 Metern, mit dem Jagdschlösschen des Fürsten Schönburg-Waldenburg und einem Teich. Ein Bus fährt von Marienbad hinauf, ein Auto brauchen Sie also nicht.

Rund um den Kladská-Teich und entlang des Randes des Nationalnaturreservats Kladská-Moore führt der Lehrpfad Kladská — ein Rundweg von etwa 2,3 Kilometern, überwiegend auf hölzernen Bohlenstegen. Er wurde bereits im September 1977 eröffnet und zählt damit zu den ältesten des Landes; an vierzehn Stationen informieren fünfzehn dreisprachige Tafeln (tschechisch, englisch, deutsch). Jährlich gehen ihn rund fünfzigtausend Menschen. Der Weg ist nicht anstrengend und auch für gehbehinderte Gäste machbar — und die beste denkbare Einführung in diese Landschaft.

Hier folgt allerdings ein wichtiges „Aber". In Nationalnaturreservaten — also auch in den Kladská-Mooren und im Pluhův bor — verbietet das tschechische Naturschutzgesetz das Betreten abseits markierter Wege. Gesammelt wird dort also nicht. Ein Hochmoor ist ein außerordentlich empfindliches Ökosystem, und der Bohlensteg liegt nicht aus Bequemlichkeit dort, sondern damit die Menschen auf ihm bleiben. Gehen Sie Kladská als Spaziergang — zum Sammeln fahren Sie in die gewöhnlichen Wirtschaftswälder ringsum, von denen es ungleich mehr gibt.

Näher an der Stadt gilt eine einfache Regel: je weiter weg vom markierten Wanderweg und von den Quellen, desto mehr Ruhe. Passende Richtungen finden Sie in unserer Übersicht der Wanderwege und Natur rund um Marienbad sowie auf der Seite zur Natur der Umgebung.

Was im tschechischen Wald erlaubt ist

Für deutsche Gäste sind die tschechischen Regeln überraschend großzügig. Das Forstgesetz (Nr. 289/1995 Slg.) gibt in § 19 jedermann das Recht, den Wald auf eigene Gefahr zu betreten und dort Waldfrüchte für den eigenen Bedarf zu sammeln — kostenlos und ohne Genehmigung. Keine Sammelkarte, keine Anmeldung.

Damit verbunden sind allerdings Pflichten, die man kennen sollte:

  • Gesammelt wird ausschließlich für den Eigenbedarf. Wer zum Verkauf sammelt, gerät mit dem Gesetz in Konflikt.
  • Der Wald darf nicht beschädigt und die Waldumgebung nicht gestört werden — Moos zurücklegen, Löcher schließen.
  • Geschützte Pilzarten dürfen nicht gesammelt werden.
  • Flächen, auf denen Holz eingeschlagen oder gerückt wird, sowie eingezäunte oder mit Betretungsverbot gekennzeichnete Bestände sind tabu.
  • Anweisungen des Waldbesitzers oder seiner Mitarbeiter sind zu befolgen.

Der Unterschied zur Heimat ist spürbar: In Deutschland gehören Steinpilz und Pfifferling zu den besonders geschützten Arten. Nach § 2 Abs. 1 BArtSchV dürfen sie zwar in geringen Mengen für den Eigenbedarf gesammelt werden, doch legen die unteren Naturschutzbehörden „geringe Menge" in der Regel als ein Kilogramm pro Person und Tag aus. Im tschechischen Wald gibt es keine solche zahlenmäßige Grenze — umso mehr kommt es auf die eigene Zurückhaltung an.

Sicherheit: eine Regel ohne Ausnahme

Sammeln Sie nur, was Sie sicher kennen. Nicht „ziemlich sicher", nicht „sieht aus wie". Sicher.

Ein paar Gewohnheiten, die sich lohnen:

  • Korb statt Plastiktüte. In einer geschlossenen Tüte verderben Pilze binnen einer Stunde, so schön sie auch waren.
  • Unbekanntes nicht dazulegen. Zweifelhafte Funde separat tragen.
  • Lassen Sie bestimmen. Die beste Gelegenheit in Marienbad bietet die alljährliche Pilzausstellung (Výstava hub) des Mykologischen Klubs Kaiserwald im Gebäude der Verwaltung des Landschaftsschutzgebiets in der Hlavní 504. Neben Hunderten frisch gesammelter Arten aus der Region gibt es Kostproben von Pilzgerichten, Pilze unter dem Binokular, ein Quiz für Kinder — und vor allem die Möglichkeit, mitgebrachte Funde vom Fachmann bestimmen zu lassen. Der Termin wandert je nach Jahr zwischen Ende September und Anfang Oktober; prüfen Sie ihn im aktuellen Veranstaltungskalender der Stadt.
  • Bei Vergiftungsverdacht sofort anrufen. Die Toxikologische Informationszentrale in Prag ist rund um die Uhr unter +420 224 919 293 erreichbar (Ersatznummer +420 224 915 402). Sie berät auch in nicht akuten Fällen — etwa wenn ein Kind einen unbekannten Pilz gegessen hat und noch beschwerdefrei ist. Heben Sie Reste oder wenigstens ein Foto auf, das erleichtert die Bestimmung erheblich.

Der Herbstkalender, in den die Pilze passen

Die Pilzsaison trifft in der Stadt auf den schönsten Teil des Kulturjahres:

  • Marienbader Herbst (Mariánský podzim) — das internationale Folklorefestival findet 2026 vom 17. bis 20. September statt, bereits zum 21. Mal. Eröffnung am 17. September im Chopin-Haus, Galakonzert „Das Beste aus der Folklore" am 18. September im Stadttheater. Neben tschechischen Ensembles treten Gäste aus Italien, Polen und der Slowakei auf.
  • Kur-Apfelfest (Lázeňský festival jablek) — die Oktoberfeier der Herbsternte mitten im Kurviertel, mit Strudelduft über der Kolonnade.
  • Die Singende Fontäne spielt bis zum 31. Oktober, wenn sie um 20 Uhr feierlich in die Winterpause verabschiedet wird.

Wer den Herbst im Kurort breiter planen möchte, findet den Überblick im Beitrag über die goldene Saison für den Kuraufenthalt.

Wie Wald und Kur zusammenpassen

Pilze am Morgen und Anwendung am Nachmittag ergeben ein überraschend gutes Paar. Marienbad trägt seit 2023 den Status eines Klimakurortes; das submontane Klima gilt als tonisierend, also sanft anregend. Langsames Gehen auf weichem Waldboden, der Blick zur Erde gesenkt, kein Telefon: Das ist im Grunde eine Terrainkur, nur mit interessanterem Ergebnis. Wenn Sie diese Seite mehr interessiert als der Inhalt des Korbes, lesen Sie über das Waldbaden im Kaiserwald.

Am Nachmittag folgt das, wofür man nach Marienbad kommt: eine Moorpackung für müde Beine, ein Kohlensäurebad, eine Massage. Die Ensana-Häuser haben die Anwendungen im eigenen Haus, zwischen Rückkehr aus dem Wald und Liegekur vergehen also wenige Minuten. Zur Kur gehört auch die Trinkkur aus den örtlichen Quellen — mit der einen entscheidenden Bedingung, dass welche Quelle und in welcher Menge stets der Kurarzt individuell festlegt. Das Mineralwasser aus Kreuzbrunnen oder Rudolfsquelle ist ein Heilmittel, kein Tafelgetränk.

Abends bleibt nur die Frage, was mit der Beute geschieht. Restaurants dürfen sie aus hygienerechtlichen Gründen nicht zubereiten — doch Pilzgerichte stehen im Herbst ohnehin von selbst auf den Karten. Anregungen liefert unser Führer zur böhmischen Küche.

Vor dem Aufbruch: eine kurze Liste

  • Schuhe. Der Waldboden ist im September auch bei Trockenheit morgens nass. Wasserdichtes Schuhwerk mit Profil, keine Stadtschuhe.
  • Schichten. Auf 800 Metern hat es an einem Nebelmorgen fünf Grad weniger als an der Kolonnade.
  • Zecken gibt es auch im Herbst. Die Saison endet erst mit den ersten Frösten; lange Hosen und eine abendliche Kontrolle lohnen sich.
  • Handy geladen, aber in der Tasche. In tieferen Waldteilen schwankt der Empfang; laden Sie die Karte offline herunter.
  • Zeit. Brechen Sie früh auf. Nicht nur wegen der Konkurrenz — das Morgenlicht im herbstlichen Buchenwald ist Grund genug.

Der Kaiserwald läuft nicht davon, und jedes Jahr sieht er ein wenig anders aus. Aber dieser Duft nach dem Regen ist seit zweihundert Jahren derselbe — und mit Abstand die günstigste Anwendung, die Sie hier bekommen.

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